Oktober 2019 – September 2020:
Was ich mir wünsche, was ich gerne einmal machen würde, wurde ich eines netten Abends während eines Mosaiksymposiums gefragt. Ich brauchte nicht lange in mich gehen: Einen öffentlichen Auftrag, ein öffentlich angebrachtes Mosaik. Wünsche und Träume sind letztendlich dazu da, dass sie sich erfüllen, es dauert nur manchmal ein wenig Zeit, bis es soweit ist und dann, ja dann muss man einfach den Mut haben, sich auf dieses Abenteuer einlassen.
Eine Figur aus Mosaik … ein Mönch … ein spannender und fordernder Auftrag. Und es sollten letztendlich insgesamt drei Figuren werden. Josef Calasanz, der Patron der Piaristen und eine wichtiger Visionär im Zusammenhang mit Schulbildung für alle Kinder soll einen sichtbar in die Jahre gekommenen Karton-Calasanz ablösen. Da, wie Pater Ignasi bemerkte, Calasanz nicht ohne Kinder dargestellt werden könne, sollte noch ein Mädchen und ein Bub dabei sein. Der Entwurf war nicht ganz einfach. Eine abstrakte Darstellung wurde eher abgelehnt. Die Vorgabe war, dass Bildung in der Darstellung einen großen Stellenwert haben müsse … und natürlich auch der Orden der Piaristen. In engem Austausch mit Frau Huditz, die dieses Projekt organisierte und leitete, wurden viele Ideen ausgetauscht, verworfen, überarbeitet.
Calasanz ohne Kinder – das gehe gar nicht. So waren sich zumindest Frau Huditz und die Schule, wie bereits im oberen Abstaz erwähnt , einig. Wir waren auch einer Meinung darüber, dass wir nicht die vielfach gesehene Variante mit dem Mönch und den Kindern auf seinem Schoß umsetzen würden. Ich musste den Spagat schaffen, dass ich Schule als einen Ort darstellen wollte, an dem nicht nur gelehrt und gelernt wird, sondern der auch Freude machen sollte. Dazu kamen die Bedenken des Paters, dass es zu sehr nach Freizeitspaß ausschauen könne, würden spielende Kinder abgebildet. Also entwickelten wir in engem Austausch eine Variante, in der Bücher als Symbol für Wissen und Lernen einen gut sichtbaren Platz eingeräumt bekommen. Gestartet würde mit der Figur des Calasanz werden.
1. Akt: Calasanz entsteht
Auch wenn mit Beginn der Arbeit noch nicht sicher war, dass es alle drei Figuren werden würden, wurde diese Option in alle Überlegungen mit eingewoben. Da die Mosaike für eine Volksschule waren und dort in einem Gang hängen würden, in dem die Kinder täglich vorbeikommen, beschlossen wir eine realistische Darstellung und diese mit Tiffanyglas auszuführen, um eine glattere Oberfläche zu erhalten. Die Idee war nun, dass die Figurengruppe einen „Kreis“ darstellen sollte: Calasanz, eine mit 1,75m lebensgroße Figur hält das Buch mit dem Logo der Piaristen in der einen Hand, mit der anderen zeigt er zu einem Kreuz, welches den höchsten Punkt der Gesamtinstallation einnehmen soll. Das Kreuz als Symbol für den Glauben und Jesus legt seinen Schutz und seine Weisheit über die Kinder und schenkt ihnen damit die Basis für ein gutes Leben, indem sie christliche Werte und eine umfassende Bildung in der Schule vermittelt bekommen. Der Bub hält ein offenes Buch in der Hand und blickt zum Mönch. Das Mädchen sitzt entspannt auf Büchern und zeigt auf das Buch, welches der Mönch im Arm hält. Damit schließt sich der Kreis. Prinzipiell ist die Gruppe so konzipiert, dass sie jederzeit mit weiteren Kindern/Personen vergrößert werden könnte.
Calasanz und die fünf Herausforderungen
Auf die Frage, was denn sei, wenn das Mosaik vielleicht irgendwann an eine andere Stelle solle, schlug ich vor, es nicht fix in die Wand zu montieren, sondern auf eine Platte zu machen, die jederzeit umgehängt werden könne. Das sollten nicht einfach nur rechteckige Bilder werden, sondern die Figuren sollten für sich allein ohne Hintergrund sein. Daher entwarf ich sie so, dass ich sie gut ausschneiden konnte. Ich hatte so eine Arbeit noch nie zuvor gemacht. Mit sorgfältiger Umrisszeichnung und Unterstützung durch meinen Mann gelang diese erste Herausforderung zu meiner vollen Zufriedenheit.
Damit einher ging die zweite Herausforderung: Eine Figur zu gestalten, für die ich keine Vorlage hatte. Einen Mönch, von dem es nur ein paar Motive im Internet gibt, zu entwerfen, ist nicht unbedingt mein tägliches Geschäft. Da es auch den Wunsch gab, die Kleidung eines Piaristen zu verwenden, bat ich um ein Foto, auf dem dieses gut erkennbar ist. Dies kombinierte ich mit einem Motiv, für das mein Mann Model stand, denn ich hatte eine fixe Vorstellung, in welcher Haltung ich die Figur darstellen sollte. Das Gesicht ist eine Kombination aus den Darstellungen die ich fand (die aber auch nicht unbedingt der realen Figur entsprechen dürften) und dem Bild, welches ich im Kopf hatte. Ich wollte vor allem eine liebevolle und gütige Figur schaffen. Da das Kleid schwarz sein sollte, brauchte ich etwas, was die Darstellung abmilderte, denn immerhin sollte das Mosaik in eine Volksschule kommen – also zu Kindern zwischen 6 und 10/11 Jahren. Aus diesem Grund gestalte ich die Bücher bunt und wenn man genau schaut findet man bunte Glassprenkel über die gesamte Kutte verteilt.
Die dritte Herausforderung war, das Messingband, welches die Figur einrahmen sollte und einen Schutz für die Glaskante darstellen soll, als Rahmen um die ganze Figur zu legen. Das Messingband selbst fand ich bei einer Wiener Firma. Auch wenn das Metallband anfangs recht sprerrig war, freundete ich mich recht schnell mit dem Material an und mit tatkräftiger Unterstützung meines Sohnes war auch das trotz einiger tricky engen Biegungen nach einiger Zeit geschafft.
Die vierte Herausforderung, die ich tatsächlich unterschätzte, war, schwarzes Glas zu finden. Obwohl es eine Firma in Klagenfurt gegeben hätte, die das gewünschte Glas zumindest laut Homepage lagernd gehabt hätte, konnte ich es dort nicht kaufen, da sie nur die gesamte Glasplatte im Maß von 60 x 120 cm abgegeben hätten. Das wäre mir dann doch etwas zu viel gewesen, zumal es recht teuer ist und ich ja auch noch zusätzlich Grauabstufungen brauchen würde. Fündig wurde ich bei einer Firma in Deutschland, bei der ich schon vor Jahren einmal Glas eingekauft hatte und deren telefonische Beratung, unterstützt durch übers Mobilphone zugesendete Fotos, einer face-to-face Beratung in nichts nachstand. Ich erfuhr auch recht viel über die Unterschiede des Glases je nach Hersteller und auch, warum zu dieser Zeit bestimmte Glasarten und -farben rar waren. Ich bekam den Luxus, mir in aller Ruhe über ein Wochenende das Glas aus den zugesendeten Fotos auszusuchen und meinen Bedarf zu berechnen, indem es kurzerhand aus dem Onlineshop genommen wurde. So konnte es mir garantiert niemand übers Wochenende weg kaufen. Da die Glasplatten Restbestände waren, die auch gar nicht mehr hergestellt werden würden, nahm ich letztendlich alles. Irgendwann würde ich das Schwarz und Grau schon aufbrauchen, zumal die Menge doch recht überschaubar war.
Und die fünfte Herausforderung war, ohne Werkstatt ein Mosaik in dieser Größe zu machen. Die Figur war mit ihren 1,75 cm Höhe einfach zu groß für meinen Arbeitsplatz in meinem Kellerstudio. Also räumte ich den Esstisch weg, legte einen alten Teppich hin und begann zu arbeiten – anfangs noch mit tatkräftiger Unterstützung meines Sohnes. Damit war die Ouvertüre beendet und der erste Akt konnte starten:
Auch wenn Tiffanyglas nicht mein Lieblingsmaterial ist, kam ich mit der Arbeit gut voran und die Figur nahm Form an. Ich muss allerdings zugeben, dass ich sehr positiv überrascht von der Vielfalt an Oberflächen bei dieser Art von Glas war. Kannte ich bisher doch nur das glatte Glas. Vielleicht werden wir ja doch noch Freunde. Ein bisschen zumindest. Womit ich mich wohl weniger anfreunden werde sind die deutlich schärferen Bruchkanten und -spitzen im Gegensatz zu gebrochenen Smalti. Es stieg wohl jeder von uns einmal auf einen Splitter.
Für das Gesicht und die Haare musste ich letztlich doch in meinem Kellerraum siedeln, denn es näherte sich Weihnachten und es sollte schließlich der Weihnachtsbaum Platz haben. Erst nach den Feiertagen durfte der in der Zwischenzeit fertig geklebte Josef wieder in die Wohnung, wurde verfugt und geputzt. Dann stand er einige Zeit bei uns im Vorraum, bevor er Ende Jänner mit uns auf die Reise nach Wien ging. Dort wurde er herzlich willkommen geheißen … auch wenn er die ersten Tage noch versteckt wurde und erst ein paar Tage später offiziell von der Schule und den Kindern gefeiert wurde.

2. Akt: Das erste Kind
Zeit zum Arbeiten bekam ich unverhofft viel. Corona eroberte die Welt und legte viele Staaten, auch Österreich in den so genannten Lockdown. Im Gegensatz zu den Meisten genoß ich die Zeit sogar – einerseits blieben wir in dieser Phase der Pandemie glücklicherweise vom Virus verschont, andererseits hatte ich durch Kontakteinschränkungen ausreichend Zeit und wenig Ablenkung . Es war eine für mich angenehme Ruhe und Entschleunigung, die sich über meine Arbeit legte.
Übrigens diente hier meine Nichte als Model, die sich tatsächlich so verkrampft hinsetzte – versucht einmal diese Beinhaltung auch wenn sie recht unaufgeregt ausschaut. Mit den Farben machte es auch noch einmal deutlich mehr Spaß, die Kleidung auszuarbeiten, die Schattierungen umszusetzen.
3. Akt: Das zweite Kind
Meine Mosaik-Nichte war noch bei mir zu Hause, als der Auftrag kam, auch das zweite Kind zu machen. Die Gruppe solle schon vollständig sein. Für den Buben musste nun mein Sohn Model stehen.
Auch die Arbeit am Buben ging recht rasch. Das Ausschneiden und auch das Ummanteln mit dem Messingband war fast schon Routine. Erstaunlich wie schnell Planung und Handgriffe selbstverständlich werden. Wie bereits beim Mädchen entschied ich mich für kräftige Farben, um einerseits einen Kontrast zum dunklen Kleid des Mönchs zu schaffen, aber auch die kindliche Lebensfreude und Neugierde deutlich zu machen. Und ich liebe die Sneakers, nicht nur die von meinem Sohn, auch die meiner Nichte.
Als ich Anfang September – noch vor Schulbeginn in Wien – die beiden Kinder mit dem Zug in die Schule brachte, wurden sie sogleich an der Wand montiert. Es war schon ein gutes Gefühl, als alle drei Figuren gemeinsam an der Wand waren. Damit alles gut zusammen passte, hatte ich noch ein passendes Kreuz gemacht, welches ich der Schule schenkte. Irgendwie fühlte es sich für mich auch wie ein kleiner Abschied an: War es doch mein bislang größtes Projekt, in das ich viel Zeit investierte und auch die Art des Mosaiks unterschied sich doch deutlich von meiner sonstigen Arbeit, so dass sich die Arbeit bzw. das Projekt insgesamt auch intensiver anfühlte.

Fun Fact: Als ich Calasanz fertig hatte, lehnte ich die Figur im Vorzimmer an einen Kasten – ein Platz, wo er am wenigsten im Weg war. Jedes Mal, wenn ich in diesen Raum trat, erschrak ich für einen Bruchteil einer Sekunde, weil da unvermutet jemand Fremdes stand. Als ich dies bei einer späteren Gelegenheit in der Schule erzählte, rief dies Gelächter hervor, weil es vielen ähnlich ging, wenn sie aus dem Stiegenhaus um die Ecke in den Gang bogen. Dieser war nach der Renovierung monatelang leer und nun stand da plötzlich eine eine schwarze Person.














































